Reichtum und Unterschied

Source

Emily Dickinson, It was given to me by the Gods
Ivo De Gennaro, Reichtum der Not. Zu Emily Dickinsons Ökonomie der dichterischen Differenz., (Translator: Ivo De Gennaro)

It was given to me by the Gods1 ↗ 
When I was a little Girl –
They given us Presents most – you know –
When we are new – and small.
I kept it in my Hand –
I never put it down –
I did not dare to eat – or sleep –
For fear it would be gone –
I heard such words as “Rich” –
When hurrying to school –
From lips at Corners of the Streets –
And wrestled with a smile.
Rich! ’Twas Myself – was rich –
To take the name of Gold –
And Gold to own – in solid Bars –
The Difference2 ↗  – made me bold –

455 (Franklin)

Von Göttern wurd es mir gegeben –
Da ein Mädchen klein ich war –
Die meisten Gaben geben sie – weißt Du –
Da wir sind neu – und zart.
Behielt es in der Hand –
Legte es niemals weg –
Wagte zu essen – schlafen – nicht
Aus Angst es wär nicht mehr –
Hörte ein Wort wie „Reich“ –
Als ich zur Schule sprang –
Von Lippen an der Straßen Eck –
Mit einem Lächeln rang.
Reich! Selbst war ich’s – war reich –
Den Namen Gold  ↗ zu führn –
Gold – feste Barren – eignen mir
Der Schied – machte mich kühn3

S. 69

Commentaries

1

Gott ↗ , im Sinne der Wirtlichkeit, ist der Geber der Differenz, der Einweisende in den von den Sterblichen auszutragenden Unterschied. Die Götter sind, anders als die Menschen, “unbedürftig”.

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2

Der Unterschied ↗  ist die Quelle des eigentlichen Reichtums ↗  und selbst der einzige Reichtum. Dieser (der einzige Reichtum als der Unterschied) unterscheidet sich zum uneigentlichen Reichtum bzw. zum „Reichtum“ der verwahrlosten Unmittelbarkeit und Unterschiedslosigkeit (d.h. die „bloße Wirklichkeit ↗ “).

In der Lichtung des Unterschieds ereignet sich Eigentum ↗  (“Gold”), das sich wiederum unterscheidet zum bloßen Besitz ↗  (F1053, F1671), aus dem sich der gewöhnliche Begriff des Reichtums ableitet.

Zum Unterschied und dem in ihm ereigneten Eigentum vgl. u.a. “luxury” (F748), “different Wealth” (F418), “Currency of Immortality” (F536).

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3

Das sich dem zugeigneten Gold übereignende und dieses aneignende, die Not des Unterschieds ausstehende (F439, F856, F828) dichterische Dasein ist, weil aus der Angst gestimmt, kühn. Der Dichter ist der wahrende, erhaltende, hungernd-schonende, wachende („keep“, „hold“, „not eat“, „not sleep“) Eigner des göttlichen Geschenks, nämlich des dichterischen Unterschieds selbst. Vgl. La frugalità di Van Gogh, „la parola «oro»“.

Die Kühnheit des Dichters blitzt auf in dessen wirtlichem Auge  ↗ („my frugal Eye ↗ “ - F209).

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Key Concept

Kontingenz, Wirklichkeit, bloße Wirklichkeit, komparativ

"Das Wort leitet sich von lateinisch contingentia her, das wiederum auf contingere „berühren, zu- bzw. vorfallen“ zurückgeht. In der Sprache der Philosophie ist kontingent, was, ob als Wirkliches oder Mögliches, zufällig, d. h. nicht wesensnotwendig ist. Kontingenz meint folglich die Seinsweise der Zufälligkeit.

Von dieser philosophischen Bedeutung wird in der hier neu geprägten Bedeutung der Zug des Wesenlosen, gleichsam Nackt-Tatsächlichen aufgenommen. Kontingenz bezeichnet somit eine vom eigentlichen Sein und Wesen, kurz vom Sinn abgelöste Gegebenheit. In dieser Gegebenheit trifft Seiendes so auf die Erfahrung, dass sein Sinn dabei wegbleibt zugunsten der so oder so gestalteten blanken Tatsächlichkeit, d. h. als factum brutum. Entsprechend ist die Erfahrung auf das bloße Leben, das Denken auf das Rechnen eingeschränkt. Das Kontingente drängt an in einer Direktheit und Unmittelbarkeit, die dem Sinn, den etwas hat, keinen Raum lässt, und fordert zu einem unmittelbar reaktiven Umgang ohne vorherige Sinnerschließung und Maßzuweisung heraus.

Kontingenz ist der Bereich und Seinsbezug, darin sich der Mensch zunächst und zumeist befindet. Dass in diesem Bereich der Sinn dessen, was ist, verschlossen bleibt, bedeutet nicht, dass kein Sinn geschieht. Ist der Seinsbezug nicht eigens auf- und ins Sein des Menschen eingebrochen, kommt dem Kontingenten ein Sinn durch die Einordnung in einen bestimmten Bedeutungsrahmen zu. Sofern der Mensch aber in die Übernahme des Seinsbezugs versetzt, also geschichtlich ist, wandelt sich der Charakter der Kontingenz entsprechend dem geschichtlichen Sinn. Deshalb ist die Kontingenz des Griechentums, des Mittelalters, der Neuzeit hinsichtlich ihrer Gewalt und der Entschiedenheit ihres Ausschließlichkeitsanspruchs jeweils eine andere. Mit anderen Worten: im Bereich der Kontingenz ist alles ohne Ausnahme „kontingentiert“, doch das Wie, folglich die „Brechbarkeit“ der Kontingenz ist je eine andere. In der Vollendung der Neuzeit setzt sich in der Kontingenz der Sinn der unbedingten Machtsteigerung und Machbarkeit durch, die alle Zeit und allen Raum für sich will und jede andere Gegebenheit unbedingt ausschließt.

Die Kontingenz ist als Seinsweise des Seienden ein Weise des Seinsbezugs, darin dieser – ob ungeschichtlich oder geschichtlich – abgekehrt und unübernommen bleibt. Das Wissen der Kontingenz wandelt sich entsprechend dem Kontingenzcharakter, wobei es, unabhängig von seiner Wirkmächtigkeit, jedenfalls im Bereich der Kontingenz verbleibt, d. h. diese zum Ausgang und zum Ziel hat. Ein geschichtliches Kontingenzwissen ist das mit → FORMATEN operierende Wissen der (neuzeitlichen) Wissenschaft. "

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Eigentum

Wir denken noch nach.

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Reichtum, Besitz, Wohlstandsgesellschaft

Im Gegensatz zum eigentlichen Reichtum, sind Besitz und Ertrag Anhäufungen von Werten, die auf Märkten durch Tauschgeschäfte zustande kommen. Davon ausgehend ist Wohlstand ein Axiom bzw. Postulat der Ende des 18. Jahrhunderts sich herausbildenden Wirtschaftswissenschaften.

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Gods, Gott

Gott, im Sinne der Wirtlichkeit, ist der Geber der Differenz, der Einweisende in den von den Sterblichen auszutragenden Unterschied. Die Götter sind, anders als die Menschen, “unbedürftig”.

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Unterschied, Difference

"Die einzige Differenz, die Differenz selbst als das Einzige ist: das schiedliche Zwischen – der Unterschied.

Weil in der Dichtung zwei Konstellationen im Spiel sind, von denen nur die eine aus dem Unterschied gefügt ist, darf dieser nicht erst vom Unterschiedenen her vorgestellt werden als das Verhältnis des Unterschiedenen zueinander. Sondern der Unterschied ist als solcher – d.h. ohne den Rückgriff auf Unterschiedenes – die Ur-Sache, auf die zu merken ist. Dickinsons dichterische Ökonomie des Unterschieds ist demnach nicht eine aufrechnende, wertende Gegenüberstellung von immateriellem und materiellem Reichtum; der Unterschied ergibt sich nicht erst aus dem Gegensatz zweier Auffassungen und Begriffe von Reichtum und Armut, Gewinn und Besitz, Not und Befriedigung u.a.m. Sondern die Ökonomie ist erstlich eine solche der „Differenz“, die einzig im Dichterischen selber wohnt – eine Ökonomie des in der Dichtung erblühenden Unterschieds. Zu diesem gehört freilich, dass er als Unterschied in der Weise des Entweder-Oder sich gegen das andere zu ihm, nämlich das Unterschiedslose unterscheidet. Der Unterschied selbst ruht im Abschied; dieser entwirft aus sich und lichtet, was im Abschiedslosen verharrt."

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Gold, Gold der Wahrheit

La parola «oro» viene da aurum, che si forma su una radice indicante il disascondersi di un fulgore, e quindi la condizione o il dono di quest’ultimo, cioè qualcosa come una “pre-fulgenza” — si pensi a «tesoro» e poi anche ad «aurora», che designa il farsi giorno, il flagrare della luce dall’oscuro. Nella dizione «oro» non dobbiamo dunque intendere immediatamente il metallo prezioso, cioè l’elemento chimico della tavola periodica di Mendeleev «AU — n. a. 79». L’aureo non è una qualità di un certo metallo; è quel certo metallo, piuttosto, ad appartenere all’aureo, ed è per questo che è chiamato «oro». Pindaro, nel noto incipit della Prima Olimpica, canta: Ἄριστον μὲν ὕδωρ, ὁ δὲ χρυσὸς αἰθόμενον πῦρ / ἅτε διαπρέπει νυκτὶ μεγάνορος ἔξοχα πλούτου — ossia: «Di nobile genesi è l’acqua; ma l’oro, come folgore d’incandescenza, / nella notte si staglia, lungimirante oltre ogni opulenza.»

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